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RolandGiersig

TÜV SÜD: Atom-Skandal oder Schmutzkübelkampagne?

Momentan macht wieder dieser Report des ARD-Magazins "Kontraste" die Runde. Kein Wunder, werden darin doch offenbar schwere Mängel bei der technischen Überprüfung deutscher Kernkraftwerke durch den TÜV SÜD gefunden. Ist das wirklich so? Kann das sein? Oder werden hier, getreu dem Motto des ehrlichen Lügners "ich sage die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit" durch Verschweigen vollkommen falsche Vorstellungen geweckt?

Schauen wir im Detail:

1. Vorwurf: "Der TÜV schaut nicht auf die Sicherheit"

Hier liegt ein großes Missverständnis über die Arbeitsweise und Aufgaben des TÜV vor. Der TÜV legt nicht selbst Sicherheitsmaßstäbe fest, er überprüft nur die Einhaltung bestehender Normen. Diese Normen werden Fachleuten aus Industrie, Wirtschaft, Forschung (Unis) und Politik (Behörden) gemeinsam in Fachgremien und Normungsausschüssen festgelegt. Wenn in einer Sicherheitsnorm steht "die Schweißnaht ist alle 4 Jahre zu prüfen" und die Prüfung erfolgt alle 4 Jahre, so bestätigt der TÜV die Einhaltung der Norm, nicht mehr und nicht weniger. Wenn jemand der Meinung ist, dass die Norm zu lasch ist, kann er seinen Einwand in den Fachgremien und Normungsausschüssen einbringen. Und wird Gehör finden, denn alle Einwände werden protokolliert. 

Wenn also jemand in den Sicherheitsnormen Mängel findet, dann muss er die Normungsausschüsse angreifen, aber nicht den TÜV. Wussten das die Redakteure? Wenn sie den TÜV mit dem Vorwurf konfrontiert haben, dann wurde ihnen das unter Garantie so erklärt. Haben sie den TÜV konfrontiert und diese Erklärung verschwiegen? Oder haben sie den TÜV nicht um eine Stellungnahme gebeten? Beides lässt sich schwer mit journalistischem Ethos vereinbaren.


2. Vorwurf: "Der TÜV SÜD legte dem verantwortlichen Beamten einen Maulkorb an. Das Interview wurde abgebrochen, als wir unangenehme Fragen stellten"

Der gezeigte Beamte hat von technischen Details so viel Ahnung wie Otto Normalverbraucher und kann daher Fragen zu Begutachtungsdetails nicht beantworten oder nur falsch darstellen. Haben da die Redakteure vielleicht versucht, ein schmutziges Spiel zu treiben, weil die fundierten technischen Antworten des TÜV SÜD (der die entsprechenden Prüfberichte vorlegen kann) ihnen nicht den gesuchten Skandal beschert haben und sie lieber ein saftiges (aber technisch falsches) Statement eines Unwissenden haben wollten? Und versuchen sich jetzt zu rächen, indem sie den Empörten spielen?


3. Vorwurf: "Die Aktien gehören zum Großteil einem Verein, bei dem die großen Energiekonzerne und AKW-Betreiber Mitglied sind"

Das ist richtig, das ist die Wahrheit, aber nicht die gnaze Wahrheit. Hier soll wohl suggeriert werden, dass die Energiekonzerne durch ihre Mitgliedschaft Einfluss auf den TÜV nehmen können. Was verschwiegen wird: Im Verein TÜV SÜD e.V. sind praktisch alle großen Industriekonzerne vertreten, er hat ca. 13.500 Mitglieder. Schon das alleine sollte klar machen, dass der TÜV nicht allein von den hervorgehobenen Energiekonzernen abhängig ist. 

Weiters muss man klar sagen: die Entscheidungen eines Vereins werden durch den Vereinsvorstand getroffen, und KEINER der Energiekonzerne sitzt in diesem Vorstand. Und diese zwei wichtigen Details sollen die Redakteure der Sendung bei der Recherche nicht gefunden haben? Unglaubliche Schlamperei. Oder Vorsatz.

Hintergrundinformation: dieser Verein ist die ursprüngliche Rechtform des TÜV, der TÜV wurde als Industrievereinigung gegründet, um gemeinsam technische Sicherheitsnormen zu erarbeiten und die Einhaltung zu kontrollieren. Warum ist der TÜV SÜD eine Aktiengesellschaft? Da ein Verein keinen Gewinn erzielen darf und ihm somit im wirtschaftlichen Handeln enge Grenzen angelegt sind, wurde das operative Geschäft in eine AG ausgelagert, um wirtschaftlich flexibler agieren zu können. Das wird sofort einsichtig, wenn man sich die mittlerweile umfangreichen Geschäftsfelder des TÜV ansieht. Der TÜV SÜD Verein hält gemeinsam mit der TÜV SÜD Stiftung alle Aktien an der AG und somit die Kontrolle, wobei die Stiftung als unabhängige Kontrollinstanz fungiert.


Also: haben die Redakteure wirklich einen Skandal aufgedeckt? Oder wollten sie mit Gewalt einen Skandal aufdecken?

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Schweinderl